Radeln in München – Spaß oder Stress?

von Redaktion
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Seit Monaten denke ich, dass ich endlich mit dem Radl zur Arbeit fahren sollte. Aus Umweltgründen, natürlich, aber auch „zwengs dem Gewicht“, wie man hier in München sagt. Mit der U-Bahn geht es eben schneller, doch sitze ich anschließend den ganzen Tag fest am Schreibtisch. Und während die Kolleginnen sich beim Lederhosentraining, Kickboxen oder Yoga abmühen, zupfe ich ein wenig Unkraut in meinem Schrebergarten. Höchste Zeit also für einen Kurswechsel!

Nur unter Zwang…

Der innere Schweinehund aber ist nicht so leicht zu überwinden. Vor zwei Wochen gab es dann endlich einen Streik des öffentlichen Nahverkehrs, der MVG. Da fuhr einfach keine U-Bahn. Und von meiner Wohnung aus gibt es weder eine Bus- noch eine Tramverbindung. So habe ich das Fahrrad gecheckt und frisch aufgepumpt. Auch die Leuchten habe ich eingesteckt, so früh dunkel wird’s zwar nicht, aber manchmal doch tatsächlich kontrolliert.

München, heimliche Radlhauptstadt?

München will Radlhauptstadt werden, so tönt es seit Jahren aus dem Rathaus. Doch auch dieses Jahr schneidet die Weltstadt mit Herz in punkto Radfahren nicht besonders gut ab. Im nationalen Vergleich rangiert München auf Platz 41 der radlfreundlichsten Städte, Schlusslicht ist Stuttgart auf Platz 50. Die Gewinner sind Oldenburg und Münster. Auch international gesehen können wir Münchner keinen Blumentopf gewinnen: Platz 34 erreichen wir hinter Städten wie Utrecht, Antwerpen, Hangzshou, Montreal und Bristol.*

Wundert mich nicht…

München

Durch den Englischen Garten im menschenleeren Nordteil

… denn es ist kein Spaß, in München Rad zu fahren. Der Anfang meiner Route führt noch sensationell grün durch den Nord- und Hauptteil des Englischen Gartens. Um ins Glockenbachviertel zu gelangen, muss ich mich an der Eisbachwelle ins Straßengetümmel werfen. Vor dem Haus der Kunst ist eine riesige Baustelle, die Autos stehen dicht an dicht. Bei grüner Ampel komme ich kaum über die Straße und habe Sorge, mit den Pedalen an den Stoßstangen der wartenden Autos hängen zu bleiben, so eng stehen diese.

Dann geht es ein Stück die Straße entlang ins Viertel. Hier gibt es Trambahnschienen: Entweder ich entscheide mich, mitten auf der Straße zu fahren, dann werde ich ständig von überholwilligen Autofahrern angehupt. Oder ich quetsche mich an den Rand zwischen parkende Autos und die Schienen. Da wird es ganz schön eng und ich laufe Gefahr, mit dem Vorderrad in diese hinein zu rutschen.

München - Isar

An der Isar entlang in Richtung Deutsches Museum

Um der Situation zu entkommen, schwenke ich nach links Richtung Isar. Der Radweg führt am Westufer vom Maximilianeum zur Reichenbachbrücke. Beide Richtungen auf derselben Seite zwischen Straße und und Alleebäumen am Uferweg. Jeder Fahrstreifen ist gefühlt 60 Zentimeter breit, die entgegenkommenden Fahrräder verhaken sich fast mit meinem Lenker. Klar, dass auch hier die Schnellen unbedingt überholen müssen, denn es nervt furchtbar, dass die Kindergartenmutti vor einem so fährt, als hätte sie den ganzen Vormittag nichts mehr zu tun.

Am schlimmsten sind die Ampeln. Da bildet sich ein etwa zehn Meter breiter Pulk auf der Gegenseite. Sobald es grün wird, ziehen beide Seiten wie ein mittelalterliches Heer in die Schlacht. Wundersamer Weise lösen sich die Formationen rechtzeitig auf und werden zu zwei ordentlichen Schlangen, bis die Überholmanöver nach der Engstelle wieder einsetzen.

Kurz und gut, ich komme völlig verkrampft und schweißgebadet im Büro an. Und frage mich, ob der Stress den positiven körperlichen Effekt nicht wieder aufhebt. Die Heimfahrt, bei der ich am Kleinen Hofbräuhaus im Englischen Garten einen Stopp einlege, gestaltet sich wesentlich angenehmer. Ein deutlicher Vorteil gegenüber der U-Bahn, denke ich im Stillen. Vielleicht fahre ich doch ab und an mit dem Rad.

Was eine fahrradfreundliche Stadt braucht.

Kopenhagen liegt auf Platz vier der weltweit fahrradfreundlichsten Städte. Was den Fahrradfahrer hier das Leben erleichtert und auch dafür sorgt, dass das Auto häufiger in der Garage bleibt, sind sieben gute Gründe, wie PULS; ein Magazin des BR, herausgefunden hat:

  1. breite Radwege + Bordsteine
  2. sichere Kreuzungen + Abbiege-Spuren
  3. Grüne Welle für Radfahrer
  4. Bremslicht-Handzeichen
  5. Fahrradgeländer
  6. schräge Mülleimer
  7. Fahrrad-Parkhäuser

Besonders die schrägen Mülleimer gefallen mir 😃

Globaler Fahrradstädte-Index von Coya

Coya hat die 50 größten deutschen Städte sowie 90 Städte und Metropolen weltweit in den sechs Hauptkategorien „Wetter”, „Anteil der Fahrradnutzung”, „Diebstahl & Sicherheit”, „Infrastruktur”, „Fahrrad-Sharing” sowie „Fahrrad-Events” in darauf untersucht, wie fahrradfreundlich sie sind. Und einen „Globalen Fahrradstädte-Index“ erstellt. Mithilfe eines Scorings (1 = niedrigster Wert, 100 = höchster Wert) wurde so ein detaillierter und interaktiver Index erstellt. Die Studie spiegelt dabei nicht die besten und schlechtesten Städte zum Radfahren wider, sondern bewertet die gesamten Radfahrbedingungen anhand von Faktoren, die sich auf die Nutzung von Fahrrädern beziehen. Die Rankings lassen sich dabei auch nach den jeweiligen Kategorien sortieren.

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Mobil in Bayern: Stadt und Land - Kondrauer Radl-Blog Juli 25, 2019 - 2:59 pm

[…] von 18 Prozent gut ab, so die Bewertung. In einer kürzlich erschienenen internationale Studie dagegen liegt München in punkto Fahrradfreundlichkeit weit abgeschlagen auf den hinteren […]

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Auf zur Münchner Radlnacht am 10. August - Kondrauer Radl-Blog August 6, 2019 - 3:40 pm

[…] Initiative glaubt daran, dass München doch noch Radlhauptstadt werden kann. Und startet deswegen am 10. August 2019 zum zehnten Mal in die Münchner Radlnacht. […]

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Radeln oder nicht – das ist hier die Frage - Kondrauer Radl-Blog August 13, 2019 - 3:07 pm

[…] Menschen empfinden Radeln als gefährlich. Dabei geben die Statistiken keine zuverlässige Auskunft darüber, was gefährlicher ist: […]

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